Willkommen im Internet!

Die Bundestagsfraktion der Grünen haben mich und unser Projekt DigiKids in den Bundestag eingeladen, um gemeinsam mit Fachöffentlichkeit und Experten ihr Positionspapier für die digitale Begleitung von (Klein)Kindern im Bundestag zu diskutieren. Erst einmal: Für mich eine nachahmenswerte Herangehensweise für viele politische Entscheidungsprozesse.

Bild vom Podium Bundestag

Kinder sind nicht zu viel vor dem Tablet, sondern zu wenig. Dabei machen sie zu oft die falschen Sachen.

Der Fachkongress trug den Titel „Digital Natives? Aufwachsen in der Digitalen Welt“ (den Stream gibts hier.) Das „?“ hat die ganze Angelegenheit für mich echt gerettet. Ich kann dieses Gerede von Digital Natives und Digital Immigrants einfach nicht mehr hören. Alleine der Grundgedanke ist schon falsch: Wie soll das denn bitteschön gehen mit dem nativen Digital sein bei Kindern? Wird die über die Muttermilch weitergegeben? Was ist denn dann mit den anlog Geborenen in unser Gesellschaft? Bei denen ist dann also Hopfen und Malz verloren? Da macht es also gar keinen Sinn mehr, überhaupt digitale Impulse zu setzen? Die lernen es doch eh nicht mehr. Können sie ja auch nicht, haben das Digitale ja auch nicht mit der Muttermilch bekommen. Für mich gibt keine Digital Natives! Alles eine Frage von Prozessbereitschaft und der Offenheit für eine Kulturtechnik.

 

Meine 6 Irrtümer das Aufwachsen in der digitalen Gesellschaft

  1. Kinder sind digital natives.
  2. Eltern sind digital immigrants.
  3. Digitale Anwendungen sind Zeitverschwendung im Vergleich zu „echter“ Konversation oder dem Spiel draußen.
  4. Die Rolle der Eltern ist es aussschließlich, digitale Anwendungen für Kinder zu kontrollieren, limitieren oder zu verbieten.
  5. Kinder kümmern sich nicht um die Sicherheit ihre Daten.
  6. Medienkompetenz ist DIE Lösung für Kinder in der digitalen Gesellschaft.

Kleinkind Tablet

In einer neuen Studie aus den USA wurde die Hirnentwicklung bei Kleinkindern untersucht (hier gehts zum Artikel). Für ihre Studie hatten die Wissenschaftler des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center 47 Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren untersucht. Zunächst wurde erfasst, wie viel Zeit diese vor Bildschirmen inklusive tragbarer Geräte verbrachten. Anschließend wurden die Kinder kognitiven Tests unterzogen. Spoiler des Ergebnisses: Kinder mit viel Bildschirmzeit haben eine beinträchtige Hirnentwicklung. Besonders in den Arealen, die für Sprache zuständig sind.

Jetzt ist das alles nicht neu und auch nicht wirklich spannend. Auch ist mir eine Diskussion dieser Studie hier an der Stelle gar nicht wichtig. Erst recht nicht, weil ich die Studie online nicht finden konnte und mir nur der obige Artikel vorliegt.

Kausalität nicht mit Korrelation verwechseln.

Diese Studie wirft die Frage auf, ob zumindest einige Aspekte der bildschirmbasierten Mediennutzung in der frühen Kindheit zu einer suboptimalen Stimulation während dieses prägenden Stadiums der Gehirnentwicklung führen können.

so Hauptautor John Hutton. Genau da gehts für mich los. Lasst uns endlich differenzierter auf das Phänomen schauen. Der von mir geschätzte Prof. Christian Montag bringt da genau den entscheidenden Punkt ins Spiel

Da in diesem wichtigen Bereich aufgrund der eher dürftigen Studienlage immer noch viel spekuliert wird, sind Studien wie die vorliegende Arbeit bedeutsam.

Heißt aber auch, dass wir nicht diese wenigen Studien nehmen  und uns auf dieser Grundlage eine vorschnelle, radikale Meinung bilden sollten. Was  auf jeden Fall für mich bleibt: „Auf die Digitale Balance kommt es an!“. Selbstverständlich sind Tablets und Smartphones in Kinderhänden niemals (!) ein Ersatz für soziale Beziehungen, Erfahren ihrer analogen Umwelt und dem haptischen Erleben.

Meine Gedanken zu dieser und vielen anderen Artikeln über solche Studien

  • Was wäre, wenn bei den untersuchten Kindern das Smartphone / das Tablet nicht vorhanden wäre? Hätten wir dann wirklich andere Ergebnisse oder würden wir eine Streitdebatte um Fachbildfernseher und Streaming von Kinderserien führen?
  • Warum zeigen dieser Artikel (leider stellvertretend für viele Artikel dieser Art) nicht konkreter auf, wie wer befragt wurde?
  • Warum erfahren wir hier nichts darüber, wie viel Zeit diese Kinder mit mobilen Endgeräten verbracht haben und vor allem, welche Impulse sie dort erhalten haben?
  • Bei mir entsteht oft das Bild, dass diese Kinder scheinbar nichts anderes mehr in ihrem Leben machen, als das Tablet in die Hand gedrückt zu bekommen. Kann sein. Glaube ich aber nicht. Warum zielen Artikel zu wenig auf das sowohl als auch ab, sondern scheinen sich viel lieber über das entweder oder auszulassen?
  • Was sind denn jetzt diese Kleinkinder? Die Alterspanne der frühen Kindheit reicht von 0-6 Jahren.

Besprechung im Bundestag

Vermittlung von Digitalkompetenz braucht es schon in der Kita

Jetzt mal ehrlich – glaubt denn wirklich eine:r, dass wir Kindergartenkinder überhaupt erst auf die Idee bringen, dass es sowas wir Tablets gibt? Wohl kaum. Die Alltagsrealtität mancher Kinder sieht doch eher so aus, dass digitale Medien in der Familie schon morgens vor der Kita konsumiert werden. In meinem Projekt erhalten wir immer häufiger die Rückmeldung, dass Kinder zu den Bringzeiten mit Papas oder Mamas Smartphone – ein Youtube Video schauend – gebracht werden. Der Trennungsschmerz beginnt dann nicht, wenn die Eltern das Gebäude verlassen, sondern wenn sie natürlich auch ihr Smartphone wieder mitnehmen wollen.

Kinder erhalten unmittelbar oder mittelbar Zugang zu mobilen Bildschirmmedien. Da ist auch erst einmal nicht Schlimmes dran. Für mich ist es wichtig, dass Kinder früh lernen, was digitale Impulse können und was nicht? Wann sie Platz haben? Aber natürlich auch, dass bei allen wunderbaren digitalen  Möglichkeiten, Bewegung und das haptische Erleben vor allem essentiell wichtig sind.

Meine 5 Digitalrechte für Kinder

  1. Kinder haben ein Recht auf (digitale ) Teilhabe.
  2. Kinder haben ein Recht auf Förderung und Befähigung zu einem digitalkompetenten Verhalten.
  3. Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre und Schutz im Netz.
  4. Kinder haben ein Recht auf safety by design.
  5. Kinder haben ein Recht auf digitalkompetente Eltern.

Digitalkompetenzen bei Kindern sollten sich nachhaltig, lebensweltorientiert und wirtschaftlich-unabhängig bilden.

Wir brauchen digitalkompetente Kinder und keine digitalen Analphabeten. Genauso brauchen wir Kinder, die vor allem Tablets als Werkzeuge begreifen, die ihnen dienlich sind und nicht solchen, von denen sie abhängig werden. 

Mein Fokus zielt stark auf die Digitalisierung in der pädagogischen Begleitung von Kindern in der frühen Kindheit. Sicherlich sollten wir, als Gesellschaft, diese Diskussion laut und ehrlich führen. Digitalität braucht dringend eine politische, moralische, ethische, juristische und eben auch eine pädagogische Auseinandersetzung.

Kindern müssen erleben, was die Chancen und was die Grenzen von digitalen Impulsen sind? Sie sollten von uns Erwachsenen die faire Chance bekommen diese wichtige Kulturtechnik zu erlernen, ohne dabei eine selbstkritische Wozu?-Frage zu vergessen.

Für Kinder ist das Tablet erstmal keine große Sache, die sie in den Bann zieht – es sei denn wir Erwachsenen machen das Tablet zu so einer großen Sache. Wir schaffen das digitale Klima, in dem unsere Kinder aufwachsen.

Eure Meinung zu dem Thema würde mich interessieren.Schreibt mir doch gerne eine Mail (hier).

 Ben Wockenfuß Profilbild

Benjamin Wockenfuß

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager, Suchttherapeut und Kinderbuchautor. Für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) leitet er das Bundesmodellprojekt DigiKids (www.digikids.online). Ein Medien-Chancen-und-Grenzen-Projekt für Kinder im Kindergarten. Benjamin Wockenfuß lebt mit seiner Frau und seinen drei Jungs in Bonn kurz vor´m Wald. Als Speaker, Berater und Dozent ist er bundesweit unterwegs.

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