TikTok. Auch für Kinder?

Ich bin ja längst nicht die/der erste, die/der auf die Idee kommt, etwas über TikTok zu schreiben. Erst recht, weil Fragen und der Wunsch nach Einordnung von der Presse verstärkt an mich herangetragen werden, möchte ich hier mal ein Sammelbecken meiner Gedanken und Einschätzung reingeben. Also, los gehts …

Bei TikTok handelt es sich um den direkten Nachfolger der Karaoke-App Musical.ly. Aktuell liegt die App bei 1,65 Milliarden Downloads und ist damit auf dem besten Weg die beliebteste App der Welt zu werden (hier dazu ein Artikel aus der Chip). TikTok liegt damit also vor Facebook, Instagram sowie Snapchat und relativ knapp hinter WhatsApp.

Tik Tok media App Illustration

TikTok? Was soll das denn jetzt schon wieder sein?

Mit der TikTok-App können kurze Musik-Videos im Hochformat aufgenommen, hochgeladen und im Netzwerk geteilt werden. Dafür hält TikTok Millionen Songs bereit – inklusive der angesagten Lieblings-Songs der Kids. Zu denen wird getanzt und im Playback gesungen. Die kurzen Videos heißen dann „TikToks“.

Neben Sing- und Tanzvideos sind sportliche und artistische Clips, tierische, komische und witzige Filmchen zu finden. Die Clips werden meist mit Effekten, Filtern oder Stickern versehen und in Dauerschleife wiedergegeben. Die Ergebnisse können je nach Einstellung nur Freunden oder aber der ganzen Welt gezeigt werden.

Beim Hochladen werden Hashtags (#) vergeben, die für bestimmte Themen und Kategorien stehen. So lassen sich die Clips kategorisieren und wiederfinden.

Wem die TikToks anderer gefallen, kann diese „liken“: also mit Herzen auszeichnen, kommentieren oder dem Ersteller folgen. Längst gibt es eigene TikTok-Stars, die mit beachtlichen Follower-Zahlen aufwarten.

(Internet ABC)

 

Wie sieht denn so ein TikTok aus? So zum Beispiel …

Zur ganzen Geschichte gehört auch, dass im Hintergrund von TikTok das chinesische Unternehmen Bytedance steht. Hier wiederum, fangen die ersten Schwierigkeiten aus meiner Sicht an. Also, ich bin ein großer Freund der Datenschutzgrundveordnung (DSGVO), auch wenn wir über so manche Umsetzung kritisch nachdenken sollten. Bei TikTok haben wir das Problem, dass alle gesammelten Daten auf Servern in China liegen. Dazu kommt, dass die Plattform Videos mit z.B. homesexualisierten Inhalten oder Inhalten von Menschen mit Behinderungen herunterwertet. Es findet – das ist nicht das Exklusivproblem von TikTok – eine Zensur statt. Exemplarisch dazu der Artikel von Netzpolitik.org „TikToks Obergrenze für Behinderungen„.

Wir sind auf Social Media Plattformen nicht der Kunde. Wir sind das Produkt.

(Tristan Harris – ehemaliger Google Design Ethiker)

 

Für wen ist TikTok eigentlich gedacht?

Naja, laut AGBs für jede*n ab 13 Jahren. Wer Lust hat, sich die AGBs von TikTok einmal anzuschauen, bittesehr hier entlang. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass die allerwenigsten Eltern diese AGBs zum einen lesen und zum anderen, sofern sie da durchblicken, die Risiken glaubhaft an ihre Kinder vermitteln und diese dann in der Folge sagen „OK, Mama / Papa , ich lass das mal mit TikTok, wenn DAS in die AGBs steht.“ Die Kolleg*innen von Handysektor haben die AGBs mal auf diesem Poster anschaulich zusammengefasst. Das Poster als PDF könnt ihr hier  herunterladen.

Tik Tok AGB Poster

Mein Praxiserleben zeigt eher, dass die Nutzer*innen von TikTok so ab dem 9. oder 10. Lebensjahr auf der Plattform loslegen. Jetzt können wir uns lang und breit über diese Diskrepanz zwischen Recht und Wirklichkeit unterhalten. Das finde ich jedoch wenig spannend. Ich bin dafür, dass wir hier pädagogische Fragestellungen nicht zu juristischen machen sollten. Das können die Juristen tun. Wir haben dabei den Job Lebensrealität unserer Kinder anzuerkennen und wertzuschätzen, dabei jedoch einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich so sicher wie nötig und so frei wie möglich entfalten können.

Warum ist bei Social Media Apps nicht safety by design die Maxime? Das muss unsere Forderungen an die Unternehmen sein, die Geld mit unseren Daten verdienen.

Was kann TikTok?

  • Selbstgedrehte Musik-Karaoke-Videos
  • Pranks (Streiche)
  • Comedy
  • Mini Tutorials (Erklärvideos)
  • Challenges

Welche Chancen kann TikTok für Kinder bieten?

  • Kreatives Ausdrücken
  • Gemeinsam ein künstlerischen Prozess erarbeiten
  • Gruppenerlebnis
  • Soziale Vernetzung

Wir haben oben in den TikToks gesehen, wie kunstvoll diese Videos sein können. Das steht für mich, wie auch bei anderen Social Media Plattform, grundsätzlich auf der positiven Seite. Ich habe auch durchaus Kritik an der Plattform, so wie sie jetzt gerade ist.

Making a Selfie

Welche Herausforderungen gilt es bei TikTok zu beachten?

  • Cybermobbing – Online Kritik und Hetze
  • Cybergrooming – Erwachsene geben sich als Kinder aus, oftmals einhergehend mit sexuellen Belästigungen
  • Digital Show Off – Damit meine ich die große Krankheit nahezu aller Social Media Plattformen. Wir zeigen uns für unsere Timeline kreativ, frisch, witzig, gutaussehend. Was macht das mit den Besucher*innen unserer Profil? Die fühlen sich oftmals nicht so positiv, wie es das geschönte Bild der anderen vermuten lässt.

Was reizt Kinder an TikTok?

Aus meiner aktuellen Sichtweise heraus, sind vor allem fünf Faktoren besonders für Kinder relevant, um TikTok zu nutzen.

  1. Selbstinszenierung
  2. Rollenspiele
  3. Anerkennung
  4. Trends verfolgen
  5. Challenges mitmachen

An allen oben genannten Punkte sind erstmal nichts Verwerfliches. Sie sind ganz natürlich in der kindlichen Entwicklung in oder auf dem Weg in die Pubertät. Klar muss uns jedoch sein, dass diese Bedürfnisse nicht in einer physisch und geografisch relativ geschlossenen Peer Group ausgelebt werden, sondern praktisch mit der ganzen Welt geteilt erfolgen.

In der scheinbaren Geborgenheit des Kinderzimmers entstehen so Aufnahmen, die in ihrer Verbreitung nicht mehr einzufangen sind.

Welche Risiken birgt TikTok?

  • Datenschutz – auch wenn es uncool klingt, wir sollten uns immer wieder hinterfragen, wie es auf den Social Media Plattformen um den Umgang mit Daten steht. Das gilt für mich für alle Plattformen
  • Microtargeting – Gerade Kinder sollten aufpassen, wenn sie Ortsangaben zu ihren Posts hinzufügen
  • Belästigung durch Dritte – Wir hatten den Punkt weiter oben bei Cybermobbing und Cybergrooming
  • Wie sieht es eigentlich mit der GEMA aus? Theoretisch ist die Rechtefrage, der in den TikToks verwendeten Musik zumindest kritisch zu hinterfragen.

Checking phone.

Was können Eltern tun?

  1. Seid emphatisch und authentisch! Zeigt Wertschätzung und Verständnis für die Lebenswelt eurer Kinder.
  2. Checkt gemeinsam mit dem Kind die Privatsphäre Einstellung in der App. Hier eine Anleitung.
  3. Begrenzt die Kontakte auf bekannte Personen. „Wen ich nicht schon einmal analog getroffen haben, der kommt nicht in meine Freundesliste.“
  4. Keine Angaben zu Wohnort oder Schule machen.
  5. Gebt euren Kindern Raum, damit sie offen über irritierende Inhalte sprechen können.
  6. SIEHE 1.

Kinder sollten von uns Erwachsenen das Gefühl vermittelt bekommen – Du bist mehr wert, als die Länge deine Freundesliste.

 

Ich habe mich schonmal an anderer Stelle zu TikTok geäußert …

… hier im TV bei hr „Maintower“ … oder dort in der FAZ … oder eben im Radio / Podcast bei hr2 „Der Tag“. Dort findet ihr eine ganz gute Gesamtübersicht zu dem Thema.

 

 Ben Wockenfuß Profilbild

Benjamin Wockenfuß

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager, Suchttherapeut und Kinderbuchautor. Für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) leitet er das Bundesmodellprojekt DigiKids (www.digikids.online). Ein Medien-Chancen-und-Grenzen-Projekt für Kinder im Kindergarten. Benjamin Wockenfuß lebt mit seiner Frau und seinen drei Jungs in Bonn kurz vor´m Wald. Als Speaker, Berater und Dozent ist er bundesweit unterwegs.

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