Ich geb einen Workshop und keiner kommt. Ein Bericht über das Scheitern?

Am gestrigen Tag habe ich meinen Workshop „Kinder Digital – Wie viel ICH gehört ins Netz?“ an der VHS Bonn abgehalten. Nun. Naja. Ich wollte es zumindest. Ich war hoch motiviert und sogar pünktlich. Leider wollte jemand anderes nicht. Die Zielgruppe. Ein Bericht über das Scheitern?

Woran hat et jelegen?

Das ist eine gute Frage. Das Thema war stark nachgefragt. Ich habe dieses Format schon ein paarmal durchgeführt. Anmeldeverfahren hat auch funktioniert. Die Uhrzeit lag perfekt nach der Schule. Der Kurs war komplett kostenfrei.

Woran hat et also jelegen?

Ich könnte jetzt hier einfach die externen Faktoren aufzählen und mich darauf ausruhen:

  • Die Webpräsenz des Anbieters ist nicht zielgruppengerecht.
  • Ort der Veranstaltung ist nicht gerade zentral.
  • Im Zentrum der Öffentlichkeitsarbeit steht ein Programm – auf Papier.
  • „Was nichts kostet, ist auch nichts!“ – Teilnehmer (deren Eltern) fühlen sich weniger verpflichtet, diese Termine zu halten.

Fragezeichen

Aber seien wir doch mal ehrlich …

Es gibt durchaus Themen, die für die Zielgruppe (Kinder von 11-14 Jahren) interessanter sind. Ganz selbstkritisch: Mein Workshoptitel für die Veranstaltung war Bullshit. Ich habe genau das provoziert, was dann auch eingetreten ist. Es fühlten sich nur die Eltern angesprochen.

Ein Teilnehmer, 11 Jahre alt, wurde von seiner Mutter „gezwungen“ und verpasste aufgrund dieses Termin sein Fußballtraining (Anm. d. Red.: Dickes Sorry, Noah!) kam dann doch. Noahs Mutter blieb gleich da und wir kamen schnell in den Austausch, wie es denn so mit dem  familiäre Medienkonsum aussehe.

Aus dem geplanten Workshop wurde ein 30 minütiges Eltern-Kind-Beratungsgespräch

Recht schnell sagte Noah „Aber Mama, du hast doch auch die ganze Zeit dein Handy in der Hand…“ . Wie natürlich jeder klar denkende Erwachsen weiß, ist das „was ganz anderes. Ich muss das auch.“ Das entgegnete die Mutter mit auffordernden Blick in meine Richtung.

In der digitalen Familie gelten bestimmte Regeln für alle. Das beinhaltet auch die Eltern.

Dieses Konzept sagte Noah direkt zu. Er schlug Slots für Medienzeit und Medienfreizeit vor und wurde schnell zeitlich konkret. Ein smarter Junge, dieser Noah. Die Mutter – eher überrascht – über die Kompromissbereitschaft ihres Sohnes, übte erst mal Kritik an der abendlichen Medienzeit. Noah warf „nach dem Abendessen und dann bis 21 Uhr „ in den Ring. Zugegeben, eher hoch gepokert vom Sohnemann.

Wir Erwachsenen schauen manchmal zu stark auf die Defizite und zu wenig auf die Chancen. Das macht was mit unseren Kindern. Im Endeffekt setzt das unsere Kinder herab.

In dieser Sequenz wurde mir wieder einmal ganz deutlich, dass wir unsere Kinder ernstnehmen müssen! Die können noch nicht alles wissen und richtig machen. Aber mal ehrlich, das können wir Erwachsenen doch auch nicht. Im Rahmen seiner Möglichkeiten kam ein gutes Angebot vom Sohn. Er war sofort offen für einen Kompromiss. Ich hatte den Eindruck, Noah freut sich sogar, dass es nun Bereiche zu Hause geben könnte, in den auch die Eltern das Smartphone weglegen und alle Zeit für einander haben.

Das hier ist also ein Bericht über das Scheitern? Nein, auf gar keinen Fall!

Klar, war es ärgerlich, dass bis auf Noah keiner Zeit und Lust hatte, zu meinem Workshop zu kommen. Schaue ich für mich genauer hin, woher mein Ärger kommt, dann muss ich hier ehrlich eingestehen, dass ich gekränkt war, dass keiner kommen wollte.  Keiner? Jetzt fange ich auch schon mit diesem Fokus auf die Defizite an. Noah war da und wir hatten  eine echt gute Zeit.

Nächster Impuls: Meine Slides, für die ich den halben Vorabend am Schreibtisch saß, waren völlig umsonst. Dabei fand ich sie doch so schick. Das ist ja auch so ein Ding. Die Slides habe ich nicht für mich gebaut, sondern für die Kinder. Wer sagt mir überhaupt, dass sie die auch so schick gefunden hätten?! War das Erstellen der Slides wirklich umsonst? Quatsch, natürlich nicht. Mit Noah und seiner Mutter bin ich ein paar durchgegangen und habe sie als Gesprächsimpuls genutzt.

Und jetzt …?

Die Zeit der frontalen Wissensbetankung sind vorbei. Das kann man gut oder schlecht finden. Darum gehts nicht. Wir sollten immer für die Empfänger senden und nie für uns.

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Benjamin Wockenfuß

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager, Suchttherapeut und Kinderbuchautor. Für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) leitet er das Bundesmodellprojekt DigiKids (www.digikids.online). Ein Medien-Chancen-und-Grenzen-Projekt für Kinder im Kindergarten. Benjamin Wockenfuß lebt mit seiner Frau und seinen drei Jungs in Bonn kurz vor´m Wald. Als Speaker, Berater und Dozent ist er bundesweit unterwegs.

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