Digitale Teilhabe – Kinder haben ein Recht auf Digital!

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Digitale Teilhabe – Kinder haben ein Recht auf Digital!

Spätestens seit der Coronakrise, wird die Diskussion darüber breiter geführt, wie die Digitalisierung die Lücke zwischen physischer Distanz und sozialer Nähe zumindest ein Stück weit füllen kann. Dabei ist gerade die Kitaschließung nicht nur für viele Familien eine immense Herausforderung, auch die so wichtige Plattform Kita ist vor enormen Herausforderungen gestellt. Eines stimmt dabei positiv. Wer hätte vor vier Wochen schon geglaubt, dass erste Kita-Konferenzen als Online-Angebote über Tage hinweg im Netz ausgerichtet werden. Sehr viele Erzieher*innen sind dabei ungemein bemüht, um (digitale) Brücken zu bauen, damit der Kontaktabbruch für die meisten Kinder nicht so tiefe Wunden schlägt.

Kinder haben keine Lobby. Das ist ein großes Problem.

Was müssen Kinder eigentlich dieser Tage noch alles aushalten? Während Shopping Malls und Autohäuser wieder öffnen, dürfen Kinder (Stand Ende April) noch nicht einmal auf einen Spielplatz. Sie dürfen sich nicht mit Freunden treffen. Sie dürfen nicht in die Kita. Über die Unmöglichkeit dieser Entscheidungen, schwingt jedoch keinesfalls der Leichtsinn darüber, dass Virus und diese schreckliche Pandemie nicht ernst zu nehmen. Doch mag es verwundert, wie und wozu für das Autohaus und gegen die Kita gewichtet wird.

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist arm. Über diese Kinder wird auf Social Media Plattformen und in den Nachrichten nicht so oft gesprochen. Ihre Eltern sind oftmals nicht im Homeoffice und damit auch nicht stimmungsvoll unter dem Hashtag #CoronaEltern im digital-medialen Fokus. Diese Kinder leben in winzigen Wohnungen, in den keinesfalls Platz für ein Spielzimmer ist. Die Eltern dieser Kinder, beschweren sich auch leiser über die Coronakrise? Warum? Sonderlich viel verändert hat sich für sie gar nicht. Schon vor der Kurzarbeit war kein Geld da, um irgendwo hinzugehen oder tolle Ausflüge zu machen. Die Angst vor der Katastrophe ist für die Eltern und damit auch für die Kinder nicht neu. Diese Angst vor dem Bodenlosen ist allgegenwärtig. Schon lange. Es ist ihr Leben. Jetzt ist auch noch die Kita zu. Der Spielplatz. Die Freunde, mit denen ich im Innenhof spielen konnte müssen drinnen bleiben. Was wird aus diesen Kindern?

„Kinder brauchen digitale Brücken.“ Auch so ein schlauer Satz von mir, aus dem meine privilegierte Stellung spricht.

Gerne proklamiere ich auf meinen Online-Vorträgen und Zeitungsinterview dieser Tage häufig: „Wir müssen für unsere Kinder digitale Brücken bauen. Über diese Brücken können wir versuchen, eine Form des Kontakts so gut es geht zu halten.“

Klingt super, oder? Was aber, wenn diese digitalen Brücken windschief in sich zusammenbrechen, weil es in den Familien nicht die entsprechenden Geräte dafür gibt? Oder verfügbares, schnelles Internet? Oder beides?

Kinder haben ein Recht auf Digital!

Der Koalitionsausschuss aus SPD und CDU hat beschlossen, dass jedes arme Schulkind 150€ erhalten soll, um sich ein entsprechendes digitales Endgerät kaufen zu können. Dieser Betrag und die damit verbundene fehlende Bereitschaft, die Lebensrealität von ökonomisch armen Familien wirklich ernst zu nehmen, spricht für sich. Das diese Regelung, die Partizipation von in Armut lebenden Kita-Kindern komplett vergessen hat, lindert die Empörung darüber nicht.

„Digitale Teilhabe ist soziale Teilhabe.“ so lautet ein Statement der Kampagne von Caritas Deutschland aus dem letzten Jahr. Digitalisierung bietet unseren Kindern neue Chancen im sozialen Bereich. Digital-pädagogische Lösungen können Ungleichheit abfedern. Aber nicht in Zeiten der Kitaschließung und von #StayHome. Dieser Tage wird die Ungleichheit eher noch dadurch verstärkt, dass die Familien die (am besten gleich mehrere) digitale Endgeräte ihr Eigen nennen können, wunderbar mit den Basketballern von Alba Berlin „Kita-Sport“ machen können. Die Kinder dieser Familien haben auch einen direkten Zugang zu pädagogisch tollen Kinder-Apps, zu Videobotschaften aus der Kita, zu den Video-Chats mit anderen Kindern oder den Großeltern.

Für Kinder aus ökonomisch armen Verhältnissen jedoch, war die Kita eine Insel in ihrem Alltag. Die ist nun geschlossen. Mit der Schließung von Bildungs- und Sozialeinrichtungen, fallen die wichtigen Versorgungsstrukturen für diese kleinen Menschen weg. Neben den ohnehin schon prekären Lebensverhältnissen, entfällt jetzt auch noch die einzige Teilhabemöglichkeit an Sozial- und Bildungsangeboten.

In der Krise zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass Bildungs- und Teilhabechancen vor allem von einem Umstand abhängen – vom Geldbeutel.

Es ist ein untragbarer Zustand, dass wir wegschauen und die Familien mit Kindern, die von digitaler Armut betroffen sind, komplett im Stich lassen. Jedes Kind ein hat ein Recht auf die Vermittlung und Begleitung hin zu einer Digitalkompetenz. Jedes Kind hat ein Recht auf Zugang zur digitalen Welt, denn diese Welt ist nun mal (auch) unsere Welt. Soziale Familienunterstützungen und frühe Hilfen müssen mehr Mittel für eine monetäre Unterstützung bereithalten. Ein Tablet in der Familie ist kein Luxus, sondern ein Muss für Teilhabe an Bildung, Kultur sowie Gesellschaft.

Der Weg zu einem inklusiven und sozial gerechten Bildungssystem, beginnt nun mal bereits im Kindergarten. Was gilt es jetzt zu tun? Es braucht eine breite Offensive, die Kindern, die keinen Zugang zu digitalen Endgeräten haben, erst einmal eine Stimme gibt. Es ist nicht hinnehmbar, dass arme Familien für 150€ ein Tablet oder einen Laptop kaufen sollen. Wie soll das gehen? Ach ja klar, dieser Betrag sei als Zuschuss gemeint, heißt es von der Bundesregierung. Den Rest sollen die Familien also dazu zahlen. Wie das gehen soll, bei stolzen 55 Cent (!), die im Hartz-IV-Satz für Kinder im Schulalter (!) für Bildung vorgesehen sind, wird dabei nicht verraten. Smartphones und Tablets sind „Teilhabemaschinen“ und deshalb unabdingbar im jeder Familie ein Muss.

Dabei ist die Teilhabe mit und in digitalen Medien keinesfalls eine Leistung, die die Kita nun auch noch erbringen muss. In erster Linie, ist das Familien- und Bildungsministerium gefordert und gefragt. Daneben können solidarische Hilfestellungen enorm helfen. Brauchen wirklich alle Bibliotheken, Büchereien und Kirchengemeinden ihre Tablets und Laptops gerade? Kann sich die Elternschaft untereinander aushelfen, in dem die Familien, die mehrere Geräte zu Hause haben, eines verleihen? Vielleicht schlägt auch jetzt die Stunde der Kitaträger, in dem sie die digitale Begleitung in ihren Einrichtungen endlich als soziale Aufgabe begreifen.

Das würde helfen. Denn damit würde jede*r einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass das nächste Video aus der Kita, dann auch wirklich alle Kinder erreicht.

Hört dazu auch die neue Folge des Podcasts Elterncouch. Gemeinsam mit Nicola Schmidt sprechen wir auch über die Situation von Familien in Zeiten von Corona.

Wie gehts Euch in der Krise? Schreibt mit gerne. Per Mail oder in den Sozialen Netzwerken.

 

 Ben Wockenfuß Profilbild

Benjamin Wockenfuß

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager, Suchttherapeut und Kinderbuchautor. Für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) leitet er das Bundesmodellprojekt DigiKids (www.digikids.online). Ein Medien-Chancen-und-Grenzen-Projekt für Kinder im Kindergarten. Benjamin Wockenfuß lebt mit seiner Frau und seinen drei Jungs in Bonn kurz vor´m Wald. Als Speaker, Berater und Dozent ist er bundesweit unterwegs.

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