Corona und die digitale Familie

Und auf einmal war Corona da. Von heute auf morgen wurden Schulen und Kitas geschlossen. Für viele Betriebe und Unternehmen wurde – quasi aus dem Stegreif – mobiles Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Das hat die Beziehung innerhalb von Familien geprägt. Das hat Arbeits-Stress-Situation in ein neues Licht gerückt. Diese Zeit, wir sprechen nunmehr immerhin von mehr als 8 Wochen (!), hat vieles offengelegt, was vorher auch schon nicht richtig funktioniert hat, nur von verschiedenen anderen Faktoren überdeckt wurde. Bevor ich mit meinem Gastbeitrag hier starte, möchte ich ein Zitat mit Ihnen, liebe Leser*in teilen, das in Kürze und Genialität das oben beschriebene Thema wunderbar zusammenfasst. Es stammt vom Lehrer und Bildungsvisionär Philippe Wampfler. Ich habe es auf Twitter gelesen:

Ich würde an der Stelle noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass das was viele Familien hier seit Wochen veranstalten, überhaupt kein Home Office ist. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Kinderbespaßung, Homeschooling und der vierten Videokonferenz, die im Hobbykeller abgehalten muss, weil sonst nirgends im Haus Ruhe zu finden ist. Ein Segen übrigens, wer einen Hobbykeller sein Eigen nennen kann und nicht in einer Zwei-Zimmerwohnung mit Kindern lebt.

Die Corona-Zeit hat unser Verständnis von Medienerleben durcheinander gewürfelt. Das ist Chance und Risiko zugleich.

Wahrnehmen, was nicht läuft

Seit 2017 arbeiten wir im Bundesmodellvorhaben DigiKids mit Kindern im Kindergartenalter daran, Digitalkompetenz zu erwerben und digitale Medien dialogisch und chancenorientiert zu erleben und sie nicht nur linear zu konsumieren. Digitale Impulse bei Kindern, gerade in der frühen Kindheit, also im Alter zwischen 0 bis 6 Jahren, sollten ausgewogen und in Balance zu analogen Reizen stehen. Bildschirmzeit wird bei Kindern (aber auch bei Erwachsenen) situationsbedingt nun stärker im Fokus stehen. Der Morgenkreis der Kita wird vielleicht als Videostream abgehalten, Erzieher*innen laden Mitmach-Videos auf YouTube hoch. Die Klassenlehrer*in telefoniert per Videotelefonie einmal in der Woche mit den Kindern und beide besprechen die Hausaufgaben. Der Kinderchor finden nun online am elterlichen Laptop statt. Die morgendliche Sporteinheit gibt’s vorm TV mit den Basketballern von Alba Berlin. All das sind Schlaglichter aus dem Praxiserleben von Familien dieser Tage. Kinder erhalten, seit Corona, verstärkt Zugang zu Bildschirmmedien. Die Bildschirmzeit steigt damit automatisch.

Ein weiterer Faktor ist, dass Kinder sich nunmehr, aufgrund der besonderen Situation, vermehrt selbst beschäftigen sollen. Da liegt es mitunter nahe, das Tablet dann eben doch „mal ganz kurz“ als Babysitter*in einzusetzen. Klar ist, Bildschirmmedien können sinnvoll in den Lebens- und Lernalltag implementiert werden. Wir sollten chancenorientiert auf die Möglichkeiten schauen, ohne die Grenzen dabei außer Acht zu lassen. Klar ist jedoch auch, hektische und farbintensive Anwendungen, mit vielen, sich schnell wechselnden Bildsequenzen stressen das Kind mehr, als das es entspannt Inhalte erlebt. Das war auch schon vor Corona so und hat natürlich auch für die heutige Zeit Bestand. Auch wenn es unbequem klingt, sollte sich nur eine kurzfristige Entlastung versprochen werden, wenn Kinder „vor Medien geparkt“ werden. Das Zeitfenster, in dem die Eltern dann arbeiten oder den Haushalt erledigen können, wird dadurch zwar erstmal geschaffen, meist ist die Quittung danach jedoch ein aufgewühltes und gestresstes Kind, das eine Kompensation des medial Erlebten sucht und braucht.

Nur weil Kinder vermehrt Bildschirmmedien erleben, heißt das natürlich nicht, dass sie automatisch digitale Reize besser verarbeiten können, als sonst.

Wichtig an der Stelle sind verständliche und für alle (!) Teilnehmenden der digitalen Familie verbindliche Regeln und Absprachen. Hier braucht es gar keine spezielle pädagogische Expertise. Wir würden dem Kind ja auch nicht auf einem Spielplatz das Ende der Spielzeit mit den Worten „um 15:37 Uhr kommt der Bus, wir müssen in 3 Minuten los …“ kommunizieren. Vielmehr gilt es Zeiteinheiten zu finden, die auch kleine Menschen verstehen, da sie noch keine Uhr lesen können. Vor diesem Hintergrund fällt dann auch ein „Du darfst so lange mit dem Smartphone spielen, bis Mama / Papa mit der Arbeit telefoniert haben …“ raus.

Schauen was hilft

Viel mehr als das hilft es, wenn sich die gesamte Familie als Team präsentiert und verbindliche digitale Räume und Zeiten, aber auch digitale Freiräume und Freizeiten abstimmt (s. hierzu meinen Blogbeitrag für DigiKids). Als Praxisvorschlag kann ich hier eine schlichte analoge Wanduhr (gerne eine kostengünstige Variante z.B. aus einem schwedischen Möbelhaus) empfehlen. Nachdem die Glasplatte abgenommen ist, werden – nach dem Ampel-System – grüne, gelbe und rote Medienzeiten eingezeichnet. So sieht (sprichwörtlich) jedes Kind, wann Zeit für Medien sind und wann nicht. Wir Erwachsenen müssen dabei natürlich auch mitmachen. Auch wenn es sich hier unbequem liest, ein guter Umgang mit Medien von Kindern entsteht nicht durch Ratgeber, Blogartikel oder Tipps auf Elternabenden. Das sind allenfalls brauchbare Unterstützungen. Ein guter Umgang mit Medien wird von unseren Kindern abgeschaut – von uns Erwachsenen. Wie in so vielen Bereichen, erziehen wir also nicht durch Vorsagen, sondern durch Vormachen.

Dabei hilft eine wichtige Faustregel durch den familiären Corona-Alltag. An jedem Tag gibt es eine gemeinsame analoge Aktivität und alle machen mit. Alle. Kein Smartphone, kein Aufräumen, kein Homeschooling, sondern wertvolle Qualitätszeit in der Familie. Punkt. Das kann die Spielrunde eines Brettspiels sein oder einfach nur gemeinsam aus dem Fenster schauen und Vögel beobachten.

Eltern sind in der Corona-Zeit gestresst. Das spüren auch die Kinder. Sogar sehr. Sie haben dafür ganz feine Antennen. Deswegen: Spielen statt Streiten! Das hilft. Immer.

Es klingt vielleicht trivial. Vielleicht können wir Erwachsenen uns auch nur schwer auf die kindliche Wirklichkeit einlassen, dass – und jetzt Durchatmen – Kinder oft weniger Regeln brauchen, als wir sie ihnen vorgeben. Warum? Kinder sind intrinsisch dahingehend motiviert, kooperativ zu sein. Das schaffen sie mal besser, mal schlechter – es bleibt aber die tiefe Bereitschaft zum Mitmachen. Wenn wir diese Erkenntnis einmal sacken lassen – 3 … 2 … 1 … – dann eröffnet das ein ganz neues Verständnis von gemeinsamer Familienzeit. Erst recht während Corona gilt dann, mehr Spielen, viel weniger Streiten. Warum? Weil ein lautes Wort im besten Fall einen ganz kurzfristigen Erfolg hat. Mit großen Nebenwirkungen für das Kind. Warum dann nicht also das Spiel, ein wahres Grundbedürfnis, seit Menschengedenken mehr ins Zentrum rücken? Auch wenn wir Erwachsenen das manchmal zu vergessen haben scheinen, ist die aktuelle Situation prädestiniert dafür, die Kraft des Spiels wieder neu zu entdecken. Das Spielzimmer wird viel schneller aufgeräumt, wenn die ganzen Fische (Spielsachen), ganz schnell in die richtigen Aquarien (Kisten oder Schubladen) geräumt werden dürfen. Dabei wird jede*r seine eigene Geschichte für das zelebrierte Spiel finden. So wird in Situationen gelacht, in denen vorher gestritten wurde.

Zwischen Eltern und Kinder passt kein Bildschirm

Bei all den digitalen Möglichkeiten und Optionen, sollten wir uns klar werden, dass das alles Assistenten, alles nur Werkzeuge sind, die zwischenmenschlichen Kontakt, Unterhaltung oder Lernen simulieren sollen. Ich bin ein großer Fan von digitaler Bildung und digital erweiterten Begegnungsräumen für Menschen. Am Ende bleibt jedoch die Einordnung. Die ist wichtig. Nur weil wir etwas digital darstellen können, heißt das nicht, dass wir das auch tun sollten. Kinder brauchen unsere ungeteilte, direkte Aufmerksamkeit. Wir sollten uns ihnen ganz im Hier und Jetzt widmen. Dabei stört ein Bildschirm zwischen dem Blickkontakt meist nur.

 

Anmerkung: Dieser Artikel ist ein Longread von meinem Gastbeitrag für den Blog der Techniker Krankenkasse.

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Benjamin Wockenfuß

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager, Suchttherapeut und Kinderbuchautor. Für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) leitet er das Bundesmodellprojekt DigiKids (www.digikids.online). Ein Medien-Chancen-und-Grenzen-Projekt für Kinder im Kindergarten. Benjamin Wockenfuß lebt mit seiner Frau und seinen drei Jungs in Bonn kurz vor´m Wald. Als Speaker, Berater und Dozent ist er bundesweit unterwegs.

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