Achtsamkeit im digitalen Klimawandel

Podcast Putting stones on together

Seit einiger Zeit nehme ich gemeinsam mit der Bestseller Autorin Nicola Schmidt den Podcast ELTERNCOUCH auf. Dort sprechen Nicola und ich über digitale Themen rund um Familienthemen.

Cover_ELTERNCOUCH

Achtsamkeit im digitalen Klimawandel

… war diesmal das Thema. Vielleicht als Einstieg hier das Video vom großartigen Fabian Hemmert mit dem Teddy Talk „Protecting creativity from the Side effects of technology“. Übrigens ein ganz, ganz großartiger Talk, wie ich finde …

Was bedeutet es also achtsam mit sich und seiner (digitalen) Umgebung umzugehen? Spoiler: Es gibt nicht die Pauschalantwort, die für jede:n passt. Achtsamkeit und der Umgang damit ist etwas sehr Individuelles und in einem hohen Maß selbstreflexiv. Genau das macht es dann manchmal so schwer, in die Umsetzung zu kommen.

Was ist eigentlich Achtsamkeit? Und worin unterscheidet sie sich zur Unachtsamkeit?

Ich würde den Begriff Achtsamkeit kurz und einfach so zusammenfassen:

  1. Achtsamkeit ist die bewusste  Wahrnehmung des Hier und Jetzt.
  2. Achtsamkeit ist die Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmung.

Dabei möchte ich den Achtsamkeitsbegriff grundsätzlich vom Jobkontext lösen. Achtsamkeit umgibt uns immer. Wir können eine bewusste Achtsamkeit natürlich auch für den Job nutzbar machen. Darauf möchte ich mich hier konzentrieren. Achtsamkeit hilft dir mit Anforderungen und Stress anders – selbstwirksamer – umgehen zu können. In Zeiten des digitalen Klimawandels, in denen eine scheinbare Omnipräsenz die oberste Maxime zu sein scheint, ist das aus meiner Sicht besonders wichtig. Achtsamkeit ist für mich auch die Fähigkeit wieder bei sich anzukommen. Besonders zu nennen ist an der Stelle das Programm Mindfulness-Based Stress Reduction des amerikanischen Molekularbiologen Prof. Jon Kabat-Zinn.

Achtsamkeit – gerade in Zeiten von New Work

Mehr noch als in klassischen, linearen Arbeitsmodellen (Old Work) spielt das Thema Achtsamkeit in Organisationskulturen eine Rolle, die von Flexibilität, Selbstmanagement, Agilität und Fokusfähigkeit abhängen. Arbeitsformen werden komplexer, es entsteht eine wesentlich schnelle Dynamik zwischen Führen und Folgen, dabei wird Kommunikation und Austausch immer schneller und unmittelbarer.

(Bild: MockDrop)

(Bild: MockDrop)

Gewohnheiten machen es leichter auf sich zu hören

Wir treffen am Tag 20.000 Entscheidungen. Das ist eine Menge. Ich würde sogar sagen, das ist eine der reine Wahnsinn. Natürlich treffen wir diese Entscheidungen nicht alle bewusst. Das würden wir gar nicht schaffen. Viele dieser täglichen Entscheidungen werden als Gewohnheiten abgelegt. Quasi eine vordefinierte Befehlsformel, auf die wir zurückgreifen können und uns nicht aktiv damit auseinandersetzen müssen. Also: Legt euch gute Gewohnheiten zu! Dazu kann ich das Buch Good Habits – Bad Hobbits von Wendy Wood sehr empfehlen. Ein gutes Set Up an sog. Routinehandlungen kosten weniger Stoffwechselenergie, als bewusste Entscheidungen. Gute Gewohnheiten sind auch der Grund, warum z.B. Steve Jobs immer denselben Pullover anhatte oder Barack Obama nur zwei verschiedene Farben für seinen Anzug zur Auswahl hatte. Die aktive Entscheidung, morgens vor dem Kleiderschrank erst einmal überlegen zu müssen, was ich anziehe und womit am besten kombiniere, ist aufmerksamkeitsökonomisch eine reine Energieverschwendung.

Wenn Reduktion und Gewohnheiten analog so viele Vorteile haben

Auch hier gilt. Jede* braucht an der Stelle möglicherweise andere Stellschrauben. Auch der Grad der Reduktion wird individuell unterschiedlich sein. Für mich persönlich gilt: je weniger, desto fokussierter.

Smartphone front screen

So sieht der Startbildschirm meines Smartphones aus. Wie ihr seht, seht ihr (nahezu) nichts. Genau so soll es auch sein. Die einzige App, bei der ich Notifications angeschaltet habe, ist meine To Do App Things 3. Diese App assistiert mir täglich bei beruflicher und privater Planung. Am Ende des Tages, müssen für mich alle Tanks sinnvoll bearbeitet oder weitergelegt sein, sonst ist der Tag nich zu Ende. Abends  und an Wochenenden schalte ich jedoch auch hier die Benachrichtigungen ab.

In meinem Gastbeitrag für das Projekt webcare + habe ich über Digitalen Minimalismus geschrieben. Viel findet sich davon auch für Achtsamkeit im digitalen Alltag wieder.

Meine Haltung: Das Smartphone ist weder gut noch schlecht, war aus heutiger Sicht für mich zu naiv. So wie digitale Anwendungen und Endgeräte ausgebaut sind, sind sie nicht dafür gemacht uns zu unterstützen, sondern uns zu binden und abzulenken.

social media

Wie bin ich für mich vorgegangen, um meine digitalen Reize zu reduzieren? Bei jeder Anwendung habe ich mich gefragt:

  • Brauche ich das wirklich?
  • Macht das mein Tun qualitativ besser?
  • Wozu verwende ich es tatsächlich?
  • Tut mir das gut?

Mein Digitaler Minimalismus in 7 Schritten

Schritt 1: Notifciation ausschalten

Das hat mir enorm geholfen nicht so schnell abgelenkt zu werden. Ich entscheide nun, wann in eine App öffne. Ich weiß, ich weiß, theoretisch liegt die Entscheidung auch schon vorher bei mir, in der Praxis ließ ich mich von dem berühmten roten Punkt dann doch fast immer ablenken. Gepaart ist diese technische Einstellung mit meiner neuen Arbeitsphilosophie. Eine Aufgabe nach der anderen zu erledigen. Nicht drei oder mehr Sachen parallel. Das hilft mir echt enorm.

Schritt 2: Brauche ich diese App?

Auf Youtube findet ihr diverse Anleitungen, wie ihr euer Smartphone minimalistischer gestalten könnt. Digitaler Minimalismus ist für mich Digitaler Fokus, deswegen weg mit allen Apps, die mich ablenken. Allen voran, Facebook und Instagram. Diese habe ich auf dem Smartphone in der oben genannten Sandwich App „entschärft“ und nutze sie hauptsächlich auf dem Desktop und auf dem Tablet. Für mich sind das schon ganz andere Trigger, als die Dinger direkt auf dem Smartphone zu haben.

Dazu kommt, dass ich die nötigen, aber störenden Apps auf die zweite oder dritte Seite meines Homescreens gepackt habe, so war ich nicht dem visuellen Reiz ausgesetzt, als ich das Gerät entsperrte.

Schritt 3: Schluss mit dem E-Mail Chaos!

Jede Inbox-Mail war für mich früher eine (in)direkte Bearbeitungsaufforderung. So ein Quatsch! Mails bearbeite ich an 2, 3 Zeitfenstern am Tag. Fertig. In der Zwischenzeit möchte ich fokussiert arbeiten und mich nicht ständig herausreißen (lassen). Gleiches gilt für alle Messaging Dienste … ähm, naja also meistens.

Mein digitaler (Arbeits)Alltag sollte sich nicht um höher – weiter – schneller – bunter drehen, sondern vielmehr um Inhalte. Für die möchte ich mir Zeit nehmen, um mich mit ihnen zu beschäftigen.

Schritt 4: Social Media einschränken

Ok, Coming out: Ich bin anfällig dafür, auf Social Media Plattformen kleben zu bleiben. Als das beruflich möglich war, habe ich alle Accounts gelöscht. Das ging dann irgendwann nicht mehr. Jetzt kann man über Robert Habecks Social Media Exit. denken, was man will. Ich finde, es gebührt ihm Respekt, dass er erkannt hat, was ihm nicht gut tut und im nächsten Schritt für sich sorgt. Wie ich aktuell mit Social Media umgehe, habe ich oben ja schon angerissen – ansonsten ist mein persönlicher Social Media Exit ein kleiner Traum. Na, mal sehen.

Schritt 5: Flugzeugmodus, um am Boden zu bleiben

Auf meinem Smartphone gibt es ein paar Features die helfen können, digital minimalistischer unterwegs zu sein.

  • Nicht-Stören-Modus
  • Flugzeugmodus
  • Bildschirmzeit-Messer

Gerade die ersten beiden Einstellungen nutze ich – neben einer App zur Messung meiner Bildschirmzeit – mehrfach am Tag. Mit meiner Frau habe ich darüber hinaus einen kleinen Wettbewerb bezüglich unserer Bildschirmzeit gestartet. Wer bis Freitag die höheren Werte bei der Bildschirmzeit hat, der lädt den / die andere zum Mittagessen ein. Bei mir läuft‘s übrigens gar nicht so schlecht.

Schritt 6: Öfter mal telefonieren

Klingt banal und einfach. Ist es auch. Mir sind die Vorteile des geschriebenen Austauschs durchaus bewusst. Es ist da ein ganz klarer Mehrwert, sich das Geschriebene jederzeit nochmal durchlesen zu können. E-Mails oder (Kurz-)Nachrichten sind aber eben auch störungsanfällig. Meist unbeabsichtigt. Zu einer gelingenden Kommunikation gehört eben meistens mehr, als der bloße Austausch von Informationsinhalten. Meistens komme ich so, in privaten wie in beruflichen Kontexten, zielgerichteter und schneller zum Ergebnis.

Kleine Randbemerkung: Ich lebe in Bonn, mein Job ist in Frankfurt. Mit meiner Chefin haben wir nun feste Feedback-Videochat-Termine fixiert. Die Regeln: 30 Minuten (ohne Überlänge), maximal 4 Themen, ich stelle mich zudem hin. Ich erhoffe mir dadurch, dass ich so nicht in einen „Laber-Modus“ verfalle, sondern – haltungsbedingt – rasch zum Punkt komme.

Schritt 7: Digitale (Frei)Räume

Auch, wenn der digitale Klimawandel überall präsent ist, baue ich mir fixe digitale Freiräume ein. Beim Laufen, beim Essen, ab 20 Uhr, … jede:r wird da seine Maßstäbe finden und Präferenzen haben. Der Bildschirmzeit-Messer auf dem Smartphone hilft mir zudem dabei.

bäume ausblick

Solltet ihr noch ein kleines Nudging Element suchen, mit dem Achtsamkeit im digitalen Klimawandel bestimmt gelingt und ihr dabei noch etwas gegen den analogen Klimawandel tun könnt, dann schaut euch gerne mal die App Forest an. Mit Hilfe dieser App legt ihr Zeitfenster fest, in denen ihr das Smartphone beiseite legt, um z.B. fokussiert zu arbeiten. Für jede Minute, die ihr schafft, werden in der Folge Bäume gepflanzt.

 

Wie schafft ihr das bei der digitalen Flut nicht abzusaufen? Schreibt mir gerne … hier.

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Benjamin Wockenfuß

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager, Suchttherapeut und Kinderbuchautor. Für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) leitet er das Bundesmodellprojekt DigiKids (www.digikids.online). Ein Medien-Chancen-und-Grenzen-Projekt für Kinder im Kindergarten. Benjamin Wockenfuß lebt mit seiner Frau und seinen drei Jungs in Bonn kurz vor´m Wald. Als Speaker, Berater und Dozent ist er bundesweit unterwegs.

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